Installation "Rosário Rebello de Andrade / Kathrin feser"

Installation "Rosário Rebello de Andrade / Kathrin feser"
von Rosário Rebello de Andrade
2007, Oil aind acrylic on board, 900 cm
"das Alphabet der Pirateninseln / O Alfabeto das ilhas Piratas / i l'Alphabet de les Medes Pirates"
“…Lesen heißt, unsere Vorstellungswelt anzusprechen, denn die eigentliche Lektüre beginnt, wenn der Text vor unseren Augen gewissermaßen verschwindet, so wie auch der Autor im Werk verschwindet. … Das Geschriebene ist stumm, Lesen, jedoch, benötigt viele Stimmen.”
Ana Hatherly
(A casa das Musas, S.195 - Editorial Estampa, Lda., Lissabon 1995)
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Und was wären dann die Bilder?
Das einmal, das immer wieder einmal und nur jetzt und nur hier Wahrgenommene und Wahrzunehmende. Und das Gedicht wäre somit der Ort, wo alle Tropen und Metaphern ad absurdum geführt werden wollen.
Tropenforschung?
Gewiss! Aber im Lichte des zu Erforschenden: im Lichte der U-topie.”
Paul Celan
(Der Meridian und andere Prosa. S. 57, Bibliothek Suhrkamp, Band 485, erste Auflage 1988. Übersetzung João Barrento ARTE POÉTICA, O meridiano e outros textos, Edições Cotovia, Lda., Lissabon 1996)
Künstlerisches Schaffen findet auf verschiedenste Weisen und mit Hilfe mannigfaltigster Verfahren statt. Heute im Zeitalter der schnellen Veränderungen fallen immer öfter Künstler auf, die verstärkt mit rein handwerklichem Können die eigenen Weltanschauungen bildnerisch umsetzen. Rosário Rebello Andrade und Kathrin Feser, die hier keine Ausnahme sind, teilen gemeinsam zwei Eigenschaften: Zum einen geben beide durch ihre Kunst wider, wie sie die Welt sehen und interpretieren, und zum anderen wechseln sie beide in chamäleonisch anmutender Weise von Projekt zu Projekt ganz systematisch ihren Stil. Obgleich sie sich formal auf sehr unterschiedlichen Gebieten bewegen, gibt es noch ein weiteres Element, das sie einander nahe bringt: die Verwendung von Text und geschriebener Sprache in ihren Arbeiten. Diese verschiedenen Faktoren haben sie dazu bewogen, speziell für die Stadtbibliothek von Würzburg ein gemeinschaftliches Ausstellungskonzept zu entwickeln.
Das Haus zum Falken, dessen zahllose Besucher ihren Teil zur Bekanntheit dieser Bibliothek beitragen, hebt sich am Marktplatz durch seine reich geschmückte, mit Barockornamenten verzierte Fassade hervor. Betritt man als aufmerksamer Besucher dieses ehrwürdige Gebäude, findet man alsbald schmale, an den Bücherregalen haftende Textstreifen, auf denen lose Wörter oder kleine Sätze in vielsagendem Farbspiel zu lesen sind. Sie sind von unterschiedlichstem Bedeutungsniveau, ergänzen sich aber dennoch zu skurril Narrativem. So zum Beispiel: Schrei - knallrot - ziemlich horizontal - Koexistenz - als Tau niedergegangen - Cornflakes unter Kissen …
Die Wörter bilden rhythmische Farbtupfer inmitten des Raumes, welche unweigerlich die Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen. Geben Anlass, stutzig zu werden und zu hinterfragen… Ihr Kontext bleibt bewusst verschlüsselt.
R.R.A. und K.F. bedienen sich auf geschickte Weise der architektonischen und literarischen Elemente dieser Bibliothek, indem sie diese in einen anderen Zusammenhang stellen und sich gleichzeitig die Veranstaltungen zunutze machen, die im Laufe der Ausstellung dort stattfinden - in diesem konkreten Fall die ins Haus stehende Exposition der Bibliothek Katalonien anlässlich der diesjährigen Internationalen Frankfurter Buchmesse. Dieser Hintergrund war für beide der Anlass, nebst ihrer Muttersprache - dem Portugiesischen bzw. Deutschen - auch die katalanische Sprache mit in ihre Arbeiten einzuflechten.
Dringt man noch ein wenig weiter vor in der Bibliothek, stößt man auf den Lesesaal, wo man schon von der Ferne ein lang gestrecktes, überaus repräsentatives Paneel mit ornamentischen Motiven äußerst lebendiger Farben sichtet. Es wirkt sehr gut in den Raum integriert - quasi als sei es Teil der Bibliothek. Zuerst ins Auge fällt eine kleine Kugel, gleich einem grünen Knopf, ein Wesen - ein Kaninchen - beides gemischt und alles grau. Besser, man beginnt das Wandgebilde von links nach rechts, von oben nach unten zu betrachten - so als läse man in einem Text - Provozierend wird man beäugt von einem Mann mit Hut, über dessen Kopf ein Fisch schwebt. Ein Falke darunter, Sätze aus dem Schnabel fließend, Texte in Klammern, Ellipsen formend, Spiegelschrift... Us viu, vident, oh gira-sol dels astres! Katalanisches auf Streifen in Gelb und Rot. Schwindelgefühl, Benommenheit, Kreise, Buchstaben, weitere Wörter in allerlei Sprachen, sich windende Ornamente, ein stetes Auf und Ab gleich der rastlosen Gezeiten salziger Meere. In dieser plastisch-rhythmischen Erzählweise fallen besonders die erstaunlich chromatischen Oberflächen, bestehend aus Kreisen oder Ornamenten, auf, die mal schwerelos fließend, mal musterhaft geometrisch wirken…. Eine Figur, hinter einer Jalousie verblassend (vielleicht ist der Ort des Geschehens ein Museum?). Uns den Rücken kehrend betrachtet sie ein Kunstwerk… Oh! Tropfen Staub… Dann Käfer, mehrere Käfer… Unmengen von Zahlen zählen sich selbst und erzählen, wieder das Kaninchen (eingeladene Gäst Manfred Sonntag)… Die anfangs bloß grüne Kugel wird zum Komma… Jambus... mit farbigen Kreisen ausgefüllte Ornamente, klar und deutlich nun zu lesen: Pontius Pilatus Piratus…
Am Ende allen Lesens und Entzifferns findet sich ein roter Kasten gefüllt mit Papieren, in der ersten Zeile der Titel der Ausstellung „Das Alphabet der Pirateninseln“ (Auszug aus einem Gedicht des katalanischen Dichters J.V. Foix). Es entfaltet sich sogleich ein endlos langer Text, kein Punkt kein Komma, dadaistische Reminiszenzen formen den Inhalt, dessen Sinn sich im Nicht-Sinn verhüllt. Es handelt sich um eine Sammlung von Auszügen aus den Poesien verschiedener katalanischer, portugiesischer und deutscher Dichter und Schriftsteller sowie Autoren anderer Länder, deren Werke ins Deutsche übersetzt wurden (18. bis 20. Jhdt.). Diese spielten sich die beiden Künstlerinnen im dialogischen Wechsel zu, als sie zeitgleich die Bilder für diese große Wandinstallation fertigten. Text- und Bildfragmente wurden dann zu etwas eigenständig Neuem zusammengefügt.
Pirateninseln nennt man das Archipel der Medes-Inseln, das sich vor der Mittelmeerküste an der Costa Brava befindet. Es heißt, dass auch Barbarossa dort vorbeigesegelt sei. Die Schiffahrt an diesen Inseln entlang geht auf das Antike Griechenland zurück, aber erst später, im Mittelalter, wird der ausgedehnte Seehandel in dieser Gegend zu einem rentablen „Geschäft“ für die sich dort tummelnden Piraten.
Dieser Scharfsinn erinnert an die Disparates (Torheiten) von Goya - alles ist bewusst exzessiv, fragmentarisch und wirr, der ach so rettende rote Faden bleibt willentlich verdeckt.
Die Künstlerinnen haben sich für die visuelle Umsetzung jener ausgewählten literarischen Auszüge von den Poetischen Labyrinthen des Barock inspirieren lassen. Diese bestanden in der mondänen Gesellschaft der damaligen Epoche aus Entschlüsselungsspielen, in denen Frivolem und Trivialem bekanntermaßen große Bedeutung zukamen. Es ist in diesem Zusammenhang von Wichtigkeit zu verstehen, auf welch große Resonanz diese Form von Poesie zur damaligen Zeit in ganz Europa traf. Vor allem auf der Iberischen Halbinsel, in Frankreich und Italien war die Verbreitung jener Umformspiele augenfällig. Diese wurden dann später, im 20. Jhdt., von der Visuellen Poesie wieder aufgegriffen. Wenn man heute in der Kunst diese Spiele wieder aufleben lässt, so spiegelt das für sich alleine schon eine Ähnlichkeit des modus vivendi der damaligen mit der heutigen Gesellschaft wider. Wir werden angeregt, historisch-philosophisch über den Sinn jenes modus vivendi zu reflektieren und so veranlasst, die Gesellschaft, in der wir leben, tiefer gehend zu untersuchen und nach Erklärungen, vielleicht auch nach Lösungen ihrer Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit zu suchen.
Auf dem Weg zu den hinteren Räumen der Bilbiothek gelangt man zu einem Durchgang, der zu zwei weiteren, kleineren Räumen führt. Die Arbeiten hier sind nun filigraner und persönlicher. Das Rätsel beginnt sich zu lösen!
Im nächsten Raum, unmittelbar unter der Decke, entdeckt man unzählige mit rotem Faden gestickte Wörter auf Stoffstreifen, mit Stecknadeln aneinandergeheftet (Rosário Rebello de Andrade) - das Ganze allerdings so versteckt, dass nur der aufmerksame Besucher dies wirklich bemerkt. Es handelt sich um beim Malen angefallene Leinwandreste der Künstlerin, die sie in den letzten zwei Jahren täglich bestickte. Man liest portugiesische Wörter wie „palavra - paraíso - perturbador - pirilampo…“. Die Wortreihe läuft an den vier Wänden entlang und zu einem bestimmten Moment liest man plötzlich deutsche Wörter wie etwa „Wort - Wolke - Weitblick - die Vögel…“. Auf den ersten Blick scheint es dem nicht beider Sprachen Mächtigen, dass es sich um eine Übersetzung der vorher erschienenen Wörter handeln müsse. Aber beim genaueren Lesen enthüllt sich ein unterschiedlicher Text, der eine Sinnverbindung zwischen den Wörtern untereinander erkennen lässt. Man wird einer gewissen Religiosität gewahr, die zu einem Innehalten und Reflektieren, weit entfernt vom weltlichen Lärm, anregt. Rosário R. Andrade gibt dieser Arbeit den Titel Siebenundneunzig handgestickte Wörter oder Ich lerne Deutsch.
Geht es hier etwa darum, eine Sprache zu erlernen oder darum, sie soweit zu begreifen, um deren Unübersetzbarkeit aufzuzeigen? Weist die Künstlerin auf die subtilen Windungen der Sprache hin, die Identität zweier Kulturen unterstreichend?
Im Anschluss treffen wir auf eine Arbeit, in der sich das Wort Brot gemalt auf einem kleinformatigen roten Hintergrund findet. Daneben, auf einem größeren Format, hat die Künstlerin in ihrer Muttersprache die portugiesische Vokabel für Brot - pao - geschrieben und lädt den Besucher dazu ein, ein Wort von besonderer Bedeutung hinzuzusetzen.
Für Rosário R. Andrade sind Wesentliches und Alltägliches nichts Verschiedenes. Sie schöpft ihre poetische Sprache zuweilen aus Alltäglichem, zuweilen aus philosophischen Reflektionen, macht auf das für sie Wesentliche aufmerksam.
Gegenüberliegend eine Reihe von Bildern kleinen Formats (Kathrin Feser). In sehr kunstvoll ausgeschnittener Kalligraphie kann man unter anderem Folgendes lesen: unser Telefon macht ring-ring-ring oder mashed potatoes. Mit einem Messer aus Papier geschnittene Buchstaben heben, mittels entstehender Leere, die Wörter und deren Klang hervor.
Wörter auf der Suche nach einer Deutung für Triviales, für das Absurde des Alltags?
Diesen zur Seite findet sich eine weitere Gruppe von kleinen Arbeiten - auch hier sorgfältiges Ausschneiden kombiniert mit sich verdichtendem und wieder auflösendem Hinzufügen winziger Buchstaben. Diese umwirbeln piktogrammhafte Figuren, die fortwährend durch das Format springen oder tanzen: Kleine anekdotisch-absurde Monster, die Buchstaben vertilgen oder gelassen auf ihnen schweben.
Kathrin Feser notiert sich Teile respektive Fetzen aus Gesprächen, Alltags-Situationen, auch Geräusche oder Bruchstücke diverser Situationen. Sie sammelt seit Jahren systematisch Symbole und bizarre Figuren, die sie selbst Kommunikations-Metaphern nennt. So erarbeitet sie ihren eigenen Wortschatz in Form von Zeichen, die sie dann in den verschiedensten Kontexten wieder in ihre Arbeiten einfließen lässt, indem sie sie ganz frei auslegt, übertreibt oder ihnen verschiedene Wertigkeiten und Bedeutungen zuordnet und miteinander mischt.
Im Gegensatz zu Rosário Rebello de Andrade zeigt Kathrin Feser ein Labyrinth von Absurditäten: Absurditäten, die das Alltägliche hinterfragen, die Meridiane (Paul Celan), die Tropen und die Metaphern von Wortfiguren. Das Fehlen von Bedeutung hält sie dazu an, Alternativen zu suchen und diese unbedingt auch aufzuspüren.
Im Falle von Rosário Rebello de Andrade und Kathrin Feser finden wir uns vor eines der offensichtlichen Symptome unserer modernen Gesellschaft gestellt. Wenn es in der Kunst darum geht, die Zeichen und Phänomene der Zeit zu durchschauen, so zeigen die Künstlerinnen mit ihrer Ausstellung im Falkenhaus, dass unsere Gesellschaft ihre Fundamente zunehmend auf Fragmente baut. Sie überwinden die Grenzen des Vorgefassten. Stellen die Wichtigkeit der Urheberschaft und der Diskurse in Frage und bemächtigen sich der Sprache anderer, um daraus ihre eigene zu schaffen. Piraten sind heute nicht mehr nur auf hoher See, sondern hier, jetzt und überall.
Aber mehr noch als das bringen sie den Zauber des künstlerischen Objekts zum Vorschein (gleich dem des Lebens selbst). Sie zeigen auf, dass man, wenn man nur darüber schreibt, oft Gefahr läuft, es seiner Existenz zu berauben, es dessen zu enteignen, was sein Wesen ausmacht. Ergründen erfordert die Überwindung der Vernunft, man muss eintauchen und sich dem Unvorhersehbaren überlassen, dem Un- oder besser gesagt Nicht-Denkbaren des Un-Möglichen.
Aurora Oliveira
September 2007