Kolonie

Kolonie
von Anna Handick
2009, Paketschnur,
"Manches Element, das die Wahrnehmung eines Kunstwerks mitbestimmt, lässt sich in einer Abbildung nicht wiedergeben. Im Fall der „Kolonie" von Anna Handick ist dies der intensive Geruch, den die [...] aus Hanfschnüren gehäkelten kugeligen Gebilde ausströmten[...].
Ausgangspunkt für die „Kolonie" ist die Vorstellung von Nestern, wie sie beispielsweise exotische Vogelarten in den Tropen bauen. Dort sind die kunstvollen Gebilde jedoch so angebracht, dass Nesträubern der Zugang so schwer wie möglich gemacht wird. Möglichst hoch, versteckt und unerreichbar sichern die Nester das Überleben der Schwachen in einer Umwelt voller Gefahren.
In der Installation von Anna Handick allerdings reichen die potentiellen Nistplätze fast bis auf den Boden herab. Und es irritiert zudem der Fortsatz, der einzige Zugang zum Nest. Denn dieser berührt den Boden und würde es damit einem neugierigen Erdbewohner leicht ermöglichen, in die ansonsten geschlossenen Gebilde einzudringen.
Im Original kann man durch die lockeren Maschen, durch die das Licht fällt, bei näherem Hinsehen erkennen, dass die Gehäuse leer sind. Wenn man das Bild vom Nest aufgreift, stellt sich die Frage, wer es gebaut hat und warum es verlassen ist. Sehr sinnlich führt die „Kolonie" den Eindruck von gefährdeter Geborgenheit vor. [...] Diese Nester einer Tierart, die es nicht gibt, entstammen der elementaren Vorstellung von schützenden, organischen Behausungen. Sie sind formal, aber auch emotional das Gegenteil von Festungen und Bunkern, von den anorganischen Höhlen der Erdbewohner. Ihre Verbindung zur Erde mag das Verhängnis heraufbeschworen haben, das ihre imaginären Erbauer verschwinden ließ. Anna Handick konnte grundlegende Erfahrungen mit der Vielfalt von Lebensformen während eines längeren Aufenthaltes in Nicaragua machen. Der Regenwald als biologische Schatzkammer übersteigt den Horizont mitteleuropäischer Umwelterfahrung. Hier liegt der Ursprung des Gedankens einer unbekannten Fauna, die sich zum Nisten jene „Kolonie" errichtete, den Schutzraum jedoch verlor. Allerdings ist es keine exotische, bunte Welt, sondern eine auf das Notwendigste reduzierte, die das Bild schließlich universal übertragbar macht. Es rührt an zentrale Begriffe, die man auch als menschliches Lebewesen erfährt. Gefühle von Schutz und Geborgenheit, Risiko, Gefahr und Verhängnis können wachgerufen werden. Was bleibt, wenn die Nester verlassen sind, ist der intensive Geruch, den man in diesem Moment der Erkenntnis als Erinnerungsspur zu einer verlorenen Welt wahrnehmen mag.
-J.M."
Jochen Meister, LFA-Kalender 2010