Johannes Kriesche

Presse

Malerei von Johannes Kriesche, Offenbach, 13.März 2008

Rede zur Ausstellung in der Galerie Kunst Raum Mato

in Offenbach am Main, von Dr. Roland Held, 2008
      

Eröffnung der Ausstellung: „WunderdichLicht –

Malerei von Johannes Kriesche, Offenbach, 13.März 2008

Letzten Donnerstag, als ich ihm in seinem Atelier drüben einen Besuch abstattete, drückte mir Johannes Kriesche einen Prospekt der Luminale, des im Zweijahresturnus stattfindenden internationalen Festivals der Licht-Kultur, in die Hand.

Er selber ist diesmal bei den übers ganze Rhein-Main-Gebiet, bis hoch zur Loreley, verstreuten, rund 200 Angeboten mit der Nummer 129 vertreten. Heute früh war in Frankfurt die Luminale-Pressekonferenz. Und heute abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, treffen wir uns hier zu einer Ausstellung, die angekündigt ist als „WunderdichLicht“. Sollte das das Gegenteil sein von „Wunderdichnicht“?

Darauf wird zurückzukommen sein. Zunächst greife ich mir den Prospekt der Luminale noch einmal vor, um das Logo auf seiner Rückseite näher zu studieren. Denn das muß man, um zu erkennen, daß es sich bei der klassischen Kugellampe, leucht-gelb gegen pechschwarz, um einen Kompositgegenstand handelt, um ein Bild aus vielen Bildern: die Hängelampe ist zusammengesetzt aus vielen winzigen piktogrammartigen Hängelampen, Stehlampen, Wandlampen, Tischlampen, Kandelabern, Kronleuchtern, Glühbirnen, Neonröhren, Scheinwerfern, Handlampen, Kettenlichtern, darunter verspielte Designstücke offenbar ebenso wie mit Solar- und Windenergie betriebene Markt-Innova-tionen. Ein paar mal verspricht ein rechteckiges Hinweisschild mit der Standardfigur eines rennenden Männleins und einem Richtungspfeil uns den Ausgang aus dem Piktogramm-Labyrinth. Aber nein – es ist ja selber nur eine Art Lampe. Kein Entkommen scheint’s zu geben vor dem auf Knopfdruck verfügbaren Licht.

Man kann das zwanzigste Jahrhundert umschreiben als das Jahrhundert der Elektrizität. Beleuchtungskörper haben globale Verbreitung und universale Anwendung gefunden. Freilich ist Lampe nicht gleich Lampe, wie uns das Logo vor Augen führt. Johannes Kriesche sagt: „Zeige mir deine Lampe, und ich sage dir, wer du bist.“ Die Bilderserien, an denen er in den letzten Jahren gearbeitet hat, mögen höchst unterschiedlich sein bezüglich Format, Malmaterial, Motivik, Bildaufbau, Farbatmosphäre. Explizites oder implizites Thema jedoch ist auf allen das Licht.

Bis vor kurzem war dieser Künstler geradezu markenzeichenhaft definiert über seine Werke in einer selbstentwickelten Neuauflage der alten Enkaustik-Technik. Das Kunstwachs, dem in warmem Zustand Farben beigemischt wur-den, lagert sich dabei ab über einer zugrundeliegenden Darstellung, die es, milchig und halb transluzide, wie es nun mal ist, mehr ahnen als erkennen läßt Allein das spannt das Licht schon ein ins Wirkungs- und Bedeutungsgefüge des Bildes. Die Technik wird fort-geführt mit der „Lichttempel-Serie“ der letzten Jahre. Nicht griechische Tempel freilich, sondern – man verzeihe mir den Kalauer – Kriesche’sche Tempel, absolut kontemporär.

Denn was dem Betrachter darauf entgegentritt wie mystisch schimmernde Architektur-Erscheinungen in sanft-monochromer Nacht, stellt sich heraus als Tankstellen, mal im näheren Umkreis, mal auf Reisen fotografiert und zur Bildvorlagenquelle adaptiert. Licht ist, wie wir seit Einstein wissen, eine Form von Energie, meßbar entweder als elektroni-sche Wellen oder als Strom von Masseteilchen. Schatzhäuser der Energie sind auch die „Lichttempel“ – in einer mobilitäts- und geschwindigkeitssüchtigen Welt werden sie angesteuert von Milliarden Autos, die mit Sprit aufgetankt werden müssen, und ihren Fahrern, denen es im Zweifelsfall um Spirituosen geht. Die besondere Ironie dabei: das Kunstwachs Paraffin, das seinen geheimnisvollen Nebel zwischen uns und das Motiv legt, ist ein Nebenprodukt der Treibstoff-Raffinerien.

Paraffin-abstinent geben sich die Leinwände der eigentlichen „WunderdichLicht“-Serie. Die ungewissen Raum- und Lichtverhältnisse, die sie heraufbeschwören, verdanken sich rein der Acrylmalerei. Doch wieder gesellt sich zum Nebeneinander der Bildelemente ein Übereinander. Visuelle Fundstücke aus dem Schaufenster von kleinen Antiquitätenläden ebenso wie aus dem großen Schaufenster, das da „Internet“ heißt, werden von Johannes Kriesche zunächst gleichsam prozessiert, bevor sie ihren Platz in der Komposition finden.

Er zieht für seine Aussage die neutral-zeichenhafte Figur der individuell gestalteten Figur vor: „Durch Technik distanziere ich mich vom tausendfach gesehenen Objekt.“ Weswegen er seine menschlichen Bildprotagonisten, wenn nicht gleich auf scherenschnitthafte Silhouetten, dann auf ihren Schattenanteil, wie weiland die Op Art, reduziert, was auch an Schwarzweiß-Fotos in krudem Tageszeitungsdruck erinnert. Dabei sind es bevorzugt gla-mourös aufgedonnerte, in Divamanier auftretende Personen, die die „WunderdichLicht“-Serie bevölkern. Ausgesprochene Drag Queens, Männer, deren höchste Lust es ist, in Frau-enkleidern aufzutreten, ob das nun weitgebauschte Louis-Quatorze-Roben und -Perücken sind oder enganliegende Leopardenfellimitationen. Derlei Transvestiten werden nun konfrontiert mit kühnen Leuchtkörper-Kreationen einerseits, kleinbürgerlichem Nippes andererseits, darunter wiederum manche Scheußlichkeit, die durch Eindrehen einer Glühbirne selber als Lampe funktioniert. Das kann etwas an sich haben von der unvermuteten Begegnung der Nähmaschine und des Regenschirms auf dem Seziertisch, die die Surrealisten zum Motto gewählt hatten.

Unser Künstler bekennt, auf den Bildern „abgerechnet“ zu haben mit dem ganzen Kitsch in seiner Umgebung. Aber er beeilt sich, seinem Tun eine objektive Dimension zu verleihen, indem er hinzufügt: „Der Kitsch gehört fest zu Deutschland als Umgangsform von Kultur.“ Wir müssen uns hier nicht umständlich mit einer Definition von Kitsch aufhalten. Eine gute, knappe, die ich einmal aufgeschnappt habe, lautet: Kunst ist eindringlich, Kitsch ist aufdringlich. So klar jedoch sind die Grenzen auf der freien Wildbahn der Gestaltung nicht gezogen.

Man höre als noch kurz, was Theodor Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ dazu sagt: „Kitsch wäre die Kunst, die nicht ernstgenommen werden kann oder will und die doch durch ihr Erscheinen ästhetischen Ernst postuliert. ... Kitsch ist sowohl von Kunst qualitativ verschieden wie [auch] deren Wucherung. ... Was Kunst war, kann Kitsch werden.“ Ins Wuchern geraten, so meint man, sind auf Kriesches Bildern sogar die edlen Designstücke, die wie Bandwürmer wirken, wie Blütendolden oder wie Stalagmitenbündel. Ihr Licht ist nicht einleuchtender als das der innerlich illuminierten Tierfiguren vom Trödel. Unsere Einschätzungen, was zur Hohen und was zur Trivialkunst gehört, sind fließend und bedürfen immer wieder der Überprüfung. Festzuhalten bleibt nur, daß charakteristisch für unseren Alltag längst, wie auf Johannes Kriesches Leinwänden, ein Neben- und Über- und Durcheinander herrscht von unterschiedlichsten Subkulturen nicht nur des Einrichtungsgeschmacks. Ein komplex verzahnter Krieg zwischen hochragenden kulturellen Leuchttürmen und „Kleinen Helden“ – so der Titel einer weiteren Bilderserie.

Mit seinen harten Motiv-Collagen vor weich gepinselten Räumen will der Künstler nach eigenem Bekunden „die Künstlichkeit auf die Spitze treiben“. Nichts ist mehr, was es scheint. Kriesche konstatiert das nüchtern, ohne es, glaube ich, zu bewerten. Die Kathedralen und die Rauchverzehrer sind gleichermaßen interessant. Ganz zu schweigen von Kunstdünger, Kunsteis, Kunsthaar, Kunsthonig, Kunstleder, Kunstseide, von Kunstbanausen, Kunstfälschern, Kunstfliegern, Kunstkritikern, Kunstreitern, Kunstsammlern, Kunst-schwimmern und -turnern, von Kunstfehlern, Kunstmärchen, Kunstpausen. Nicht zu vergessen der Kunstbusen der Drag Queens. Auf deren Zwielichtbereich bleiben die Travestien übrigens nicht beschränkt.

Vielleicht ist Kitsch ja die Travestie von Kunst. Oder unsere Gesellschaft die Travestie des sozial Möglichen. Oder die Serie „WunderdichLicht“ die Travestie des rational ausgeleuchteten Raums. Ich habe dazu freilich meine eigenen Gedanken. Sie setzen dabei an, daß das Gegenteil von „WunderdichLicht“ genaugenom-men „WunderdichDunkel“ heißen müsste, wenn nicht gar „WunderdichBlöd“. Was für mich nämlich das Prinzip wäre, dem die mediale Kultur unserer Zeit gehorcht. Unablässig, Tag wie Nacht, wird dort ein knallbuntes Feuerwerk von Sensationen und Sensatiönchen abgeballert, ohne daß es darüber in irgendeinem Kopf heller würde. Auch Johannes Kriesche bekennt über diese Ausstellung sein Fasziniertsein durch die pulsierende Glitzerwelt und die schrillen Selbstenthüllungsshows. Fasziniert-, nicht Eingelulltsein! Durch alle künstlichen Paradiese und mentalen Wohnlandschaften steuert er mit weitoffenem, doch ruhigem, unbestechlichem Blick. Sich wundern, ist bei ihm nicht gleichbedeutend mit: die Lampe des Geistes ausknipsen. Jeden Betrachter seiner irreal realistischen Bilder fordert er stattdessen auf: WunderdichLicht!

© Dr.Roland Held, Darmstadt 2008