Rosário Rebello de Andrade

Presse

Mainpost, 31.03.2008 – Die Nähe innerer Landschaften

Bilder und Installationen der portugiesischen Künstlerin Rosario Rebello de Andrade

MÜHLHAUSEN Ideen sprudeln nur so aus ihr heraus, ihre Kreativität wird lediglich dur äußere Umstände gebremst. Was die in Mühlhausen bei Werneck lebende portugiesische Künstlerin Rosario Rebello de Andrade jedoch kaum hindert, durch ihre Bilder , Skulpturen und Installationen zum intensiven Dialog mit dem Betrachter aufzurufen. So wie sie es auch bei Wernecker Kulturfrühling vorhat.

Wenn von 5. bis 20. April die Kunst in Werneck ganz vorne rangiert, greifen die Veranstalter, der Familienbeirat und die Marktgemeinde, vor allem auf einheimische Persönlichkeiten zurück. Als Neubürgerin, die vor 10 Jahre nach Lissabon der Liebe wegen nach Deutschland kam und den Musiker Alexander Eisenmann heiratete, sagte Rosario de Andrade zu. Nur so viel wird verraten: Ihre "Aktionskunst Lebendiger Frühling" versucht, die Menschen auf eine andere Wirklichkeit aufmerksam zu machen.

Bei dieser Aktionskunst fasziniert die freischaffende Künstlerin vor allem die Reaktion des Publikums, so wie es bei ihrer letzten großen Ausstellung "Das Alphabet der Pirateninseln" im Herbst 2007 im Würzburger Falkenhaus de Fall. Ihre Malerei versah sie dabei mit Buchstaben und Worten, stickte auch 97 für sie wichtige Begriffe auf Stoff, nutzte, dem Ort der Stadtbücherei entschprechend, Sätze aus der portugiesischen Literatur, um sie per E-Mail an ihre Mit-Asstellerin Kathrin Feser zu schicken, die mit deutsche Literatur antwortete. "Die moderne Medien und neue Technologien interessieren mich", erklärt die schlanke 54-Jährige. Kommunikation finde heute auch damit statt.

Verschiedene Techniken

Ursprünglich hat Rosario Rebello de Andrade in Lissabon und in den USA Malerei studiert, war auch als Dozentin an der Kunstakademie der portugiesischen Hauptstadt engagiert. Doch benutzte sie schon immer verschiedene Techniken, um zu kommunizieren und zu reflektieren: Etwa Tonskulpturen wie bei ihrer Arbeit "Hand und Herz" in New York, als sie faustgroße Nachbildungen organischer Herzen in großer Anzahl fertigte. "Es ging mir um die Beziehung von außen und innen", erklärt sie, um die Reflexionen, wie alles zusammenhängt, um das indirekte, aber auch das Leidenschaftliche, das Nahe-kommen unter den Menschen.

Etwas Sakrales versucht sie mit ihren Arbeiten auszudrücken, etwa auch was ihre "Landschaften" anbelangt: das sind kaum gegenständliche, der Natur entnommene Ansichten, sondern kontemplative, innere Landschaften. Auch Porträts sind darunter, Bilder die Nähe vermitteln. "Man ist so mit dem täglichen Leben beschäftigt. Aber wenn das miteinander fehlt, ist das Leben umsonst", umschreibt Rosario de Andrade ihre Philosophie.

Es gibt aber auch die naturalistische Seite, die sich in großformatigen Ölarbeiten widerspiegelt: In weichen, romantischen Farben schaukelt ein Papierschiff auf dem Wasser, krabbelt eine Fliege auf der Haut. Oder sie holt sich ihre Familie und Freunde in typischen Porträts der Renaissance in ihr Arbeit in Mühlhausen.

Ergebnis zählt

Gerade dieses Projekt macht ihr bewusst, wie sich der Künstler im Laufe der Geschichte in seinen Themen wiederholt. Und dass sich die Idee der Urheberschaft in Frage stellen lässt. "Es ist nicht wichtig, wer etwas gemalt hat, sondern das Ergebnis", verdeutlich Rosario de Andrade. "Diese Ich-Bezogenheit, das ist unrealistisch", urteilt sie.

Einige Ihrer Arbeiten haben einen festen Platzt in Museen in Portugal, in New York, im Diözese Museum Würzburg. Andere wurden in der näheren und weiteren Umgebung ausgestellt, einige gelangten gar bis nach Sehnzhen in China. Ungebrochen ist Rosario Schaffenswut, derzeit haben es ihr Kreise und Ornamente angetan, die sie in verschiedenen Ebenen zueinander in Beziehung setzt. "Es macht mir einfach Spaß, es ist so meditativ", strahlt sie.

SILVIA EIDEL

31. März 2008
MAIN POST, Kreis Schweinfurt

Der Kessener, Januar, 2008

Wer wie diese Künstlerin in Lissabon aufgewachsen ist, hat ein ganz eigenes Gefühl für das Leben samt seiner Sinnlichkeit, seiner Symbole und Poesie mitbekommen. Nicht umsonst zitiert sie in den Kommentaren zu ihren Ausstellungen Gedichte z. B. von Fernando Pessoa: „Als du nicht bei mir warst, / liebte ich die Natur wie ein stiller Mönch Christus - / ... du entzogst mir nicht die Natur - / Du brachtest mir die Natur ganz nahe, / ... Ich bereue nicht den, der ich einstmals war, / weil ich es immer noch bin. ...“
Die vielschichtigen Ebenen in diesem Gedicht finden ihre Entsprechungen in Rebello de Andrades Werk. Landschaft kann zu einem Objekt der Kontemplation werden, mitunter fotografisch genau, dann wieder romantisierend verfließend. Sie verwendet jegliche Technik, ob Malerei, Skulptur oder Installation, um damit Geschichten zu entwickeln. Manche haben einen autobiografischen Hintergrund, andere fließen nur im inneren Bild des Betrachters zu einer Erzählung zusammen, zu einer künstlerisch-poetischen Welt, in der jede einzelne Arbeit eine Art „Zeitstation“ innerhalb eines großen Ganzen darstellt. Deshalb sucht die Künstlerin auch den Bezug zur Vergangenheit, zu den Meistern früherer Jahrhunderte. Ihr Zyklus „Romance Mudo“ („Stummer Roman“) ist inspiriert von sechs Stichen aus dem 18. Jahrhundert im Museum zu Evora mit dem Titel „Schlüssel des stummen Romans aus dem Leben des heiligen Antonius von Padua“. Hier kann sie mit Symbolen spielen, die so alt wie aktuell sind. So ist es nicht überraschend, dass sie auch Sprachen in ihrer bildlichen Ausdruckskraft kontextualisiert, denn alles steht in Zusammenhang und strömt immer weiteren Zielen entgegen.

DIE ZEIT, DAS DREIECK UND DIE QUELLE

„O TEMPO“ Dezember 1988

Ganz unverhofft eine Einzelausstellung von Rosario Rebello de Andrade. Nach einem sehr verborgenen Werdegang, der seit 1985 Beteiligungen an mehreren Gruppenausstellungen, und auch bereits einen Preis beinhaltete, bietet diese erste Einzelausstellung dem Publikum erneut eine angenehme Überraschung. Eine stoffliche Malerei mit sehr dichten Texturen, in denen geometrische Formen aufscheinen, unter welchen das Dreieck vorherrscht. Und diese subtilen Erscheinungen sind immer umgeben von einem Leuchten, das von den Lasuren warmer Farben herrührt: ein zu erahnendes Rot, ein Schimmer von Gold oder ein Grau, verhüllt von Ocker.
Rosario de Andrade offenbart eine Technik, die sich erhaben ankündigt: „Der Sommer derjenigen, die zu warten wissen, so ruhig, als hätten Sie die Ewigkeit vor sich......“. Das sind Worte von Rilke, die die Künstlerin für den Katalog ausgewählt hat. Die Genauigkeit der Arbeiten grösserer Formate in deren nahezu paradoxer mozartianischer Leichtigkeit, löst sich in der dunkleren Atmosphäre der kleinformatigen Ausstellungsstücke auf, was letztendlich nichts anderes, als das Verharren von verschiedenen Facetten in ein und dem selben Werk ist.
Sollte nicht versäumt und weiterhin beobachtet werden.

(Palácio das Galveias, Lissabon, täglich ausser Sonntag, von 15 bis 19 Uhr).
L.A.C.

„Stummer Roman“

Galeria Diferença Lissabon, 1996

In einem Versuch, Kritik daran auszudrücken, dass „Autorenschaft“ sofort erkennbar sei, haben verschiedene zeitgenössische Künstler – absichtlich – einen kennzeichnenden Stil vermieden, indem sie, chamäleongleich ihren Stil von einer Werkserie zur nächsten wandelten. Bei Rosario R.d.A. erschienen diese Wandlungen mit so offensichtlichem und intensivstem künstlerischem Impetus, dass es bisher schien, als ob es mehr um einen bewussten Richtungswechsel denn um eine bloße Strategie ginge. In ihrer gegenwärtigen Ausstellung – mehr als in ihrer Installation im Botanischen Museum im Sommer 1996 – sind die stilistischen Veränderungen einer beherrschenden Intention untergeordnet. Dies ist somit ihre bisher kohärenteste – und zugleich interessanteste – Ausstellung.

Unter dem Motto „Stummer Roman“ wurden zwischen 1994 und 1996 mehr als hundert kleine Zeichnungen und Ölbilder geschaffen, allesamt (aber nicht unbedingt alle so ausgestellt) in der Horizontalen konzipiert. Wie der Titel sagt, stützen sich die Arbeiten auf eine lose aber nie explizite Erzählabsicht, die sich einer unmittelbaren Interpretation entzieht. Inspiriert war die Idee durch einen Zyklus von 6 Stichen aus dem 17. Jahrhundert, die sich im Museum von Evora befinden und unter dem Namen „Schlüssel zum stummen Roman des Lebens des heiligen Antonius“ bekannt sind. Diese Stiche gehören einem seit dem Barock sehr beliebten Werktypus an: die sogenannten „livros de divisas“. Das Ziel dieser Publikationen jesuitischen Ursprungs war es, die Heiligen-Ikonographie (sei es in Form von Büchern oder losen Blättern) in Form eines Spiels oder Puzzles zu verbreiten. Da es sich sehr oft um das Leben von Heiligen handelte, waren es hieroglyphische Sammlungen mit Schlüsseln zu deren Dechiffrierung.

Des öfteren haben solche Figuren – Bildzeichen oder Ikonen – ihre Macht der Verführung auf Künstler gezeigt, ebenso wie Symbole dies auf geistreiche Weise versuchen und auch verschiedene Kunstwerke: den Sinnen mit einer symbolischen Sprache zu dienen (man denke etwa an Gemälde von Miro, Gorky, Clemente...). Rebello de Andrade schafft ein piktographisches Lexikon von Bildern, die mit der Quelle gleichzeitig verbunden und zugleich von ihr losgelöst sind. Das kleine Format, die Montage, durch die die Notwendigkeit einer Gruppenanordnung sich ergibt, sowie das sehr spezifische und reduzierte Umfeld des Projektes kommen der Künstlerin sehr gelegen: es gibt in diesen kleinen Arbeiten eine traumhafte Dimension, eine Kombination von Präzision in der Darstellung des Bildes mit Ambivalenz der Bedeutung. Es wird uns nämlich kein einziger Schlüssel geliefert. Selbst wenn man die offensichtliche Anleihe der Künstlerin bei anderen Künstlern (speziell bei Clemente) wahrnimmt, erfüllt Rosario Rebello de Andrade ihre Werke mit einem sehr persönlichen Anklang von Obsessivität.
Zu dieser Ausstellung, welche im wortwörtlichen Sinne eine zauberhafte Atmosphäre ausstrahlt, gibt es ein Buch, das, obwohl es auf der Ausstellung basiert, unabhängig von dieser geschaffen wurde.

RUTH ROSENGARTEN

Zur Ausstellung Sparkasse Mainfranken, 2006 (Katalog)

Viele Arbeiten von Rosário Rebello de Andrade beziehen sich in unterschiedlicher Form auf Landschaft „von anderer Natur“, utopisch und nur innerlich sichtbar. Landschaft versteht sie als Objekt der Kontemplation, welche allein durch den Blick des Betrachters, der sich in sie versenkt, existiert.
Da ist aber auch die naturalistische Seite der Künstlerin, die sich in den großformatigen Ölarbeiten widerspiegelt.
Von weitem fast wie Fotografien anmutend, schaukelt hier ein Schiffchen auf dem Wasser, krabbelt dort ein Insekt auf einer Hand. Verhaltene Farben, dezent gemischt, pastellig… es ist der eingefangene und künstlerisch für die Ewigkeit eingefrorene Augenblick, welcher für alle Zeit und egal zu welcher Zeit von Rebello de Andrade romantisiert und damit in seinem Wert und seiner Bedeutung an sich gesteigert wird. Äußere Betrachtung als gleichzeitige Innenschau.
Obwohl sich die Ausbildung der Künstlerin hauptsächlich auf die Malerei konzentrierte, mag sie sich nicht auf eine bestimmte formale Linie festlegen. Jede Technik, ob Skulptur, Mischtechnik oder Installation, ist für Rebello de Andrade nur ein Mittel, welches es ermöglicht, dem Impuls bis zur Idee Ausdruck zu verleihen.
Auf das innere Fließen, auf die innere Motivation kommt es ihr an, die Form selbst, in welcher eine Idee letztendlich ihren künstlerischen Ausdruck findet, wird sich in dem Moment für sie erfüllen, in welchem innerer Wille, Gegenstand und die alles umspielende Liebe zusammenfließen.
Rosário Rebello de Andrade inszeniert mit ihren Bildern und Installationen Geschichten. Es sind Geschichten, die entweder auf einem autobiographischen Hintergrund beruhen, oder die sich erst im Blick des Betrachters zu einer Erzählung entwickeln. Niemand weiß dabei, um welche Geschichte es sich handelt, doch das etwas erzählt wird, gleich einem Rätsel, wird jedem deutlich, der sich geistig und gefühlsmäßig einlässt… und eintaucht in Rosarios künstlerisch-poetische Welt. Denn für sie steht alles in Zusammenhang und so ist jede ihrer Arbeiten als „Zeitstation“ zu betrachten in einem großen Ganzen, in dem sich alles wiederholt und einen Bezug herstellt zu eigenen älteren Arbeiten wie zu Meistern und Schülern der Vergangenheit.
Die Überzeugung von der Verzahnung alles bereits Geschaffenen macht denn auch für sie die Frage nach der „Urheberschaft“ eines Werkes und eines Stils überflüssig.

Angelika Stitz-Watzek
9 März 2006

Kunstaktion Markt Werneck, April 2008

Mainpost, Schweinfurt — 13-04-08

WERNECK
Vogelgezwitscher im Supermarkt
„Aktionskunst lebendiger Frühling“ an ungewöhnlichen Orten in Werneck
Wer weiß, welchem Vogel sein charakteristisches „zia-zia“ zuzuordnen ist? Wer ruft „psih“, „prrt“ oder „dschrrb“? Aufmerksame Zuhörer können derzeit in Werneck an so ungewöhnlichen Orten wie Autohäusern, Apotheken oder gar im Supermarkt fröhliche Vogelstimmen vernehmen – wenn sie sich denn darauf einlassen.
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Denkbar ungünstig ist die Geräuschkulisse für zarten Frühlings-Vogelgesang am Eingang zum Neukauf-Markt an diesem Vormittag: Lebhafte Gespräche, das Piepen der Scanner-Kasse und Lieder aus dem Radio erfüllen den vorderen Bereich des Supermarktes. Besitzer Hans Peter Müller dreht daher die Lautstärke des mit einem Bewegungsmelder verbundenen CD-Players etwas höher, damit seine Kunden das fröhliche Vogelgezwitscher, die „Aktionskunst lebendiger Frühling“ überhaupt wahrnehmen. Mit Kunst hat er eigentlich weniger am Hut, bekennt er, aber warum sollte man nicht mal etwas anderes bieten als Salat oder Nudeln?

Der Neukauf-Markt ist neben Aldi, Post, Krankenhaus oder Rathaus eines von über 20 Gebäuden in der Gemeinde, in denen die portugiesische Künstlerin Rosario Rebello de Andrade im Rahmen des Wernecker Kulturfrühlings bis zum 20. April abwechselnd ihren Vogelgesang erklingen lässt. Über 50 verschiedene Stimmen hat sie aufgenommen, hat diese und den dazugehörigen Vogel beschrieben, und davon kleine Merkzettel gedruckt. Damit der Zuhörer nicht nur dem Gesang lauschen kann, sondern auch erfährt, ob Mehlschwalbe, Baumpieper oder Hausrotschwanz plötzlich rufen.

Der Überraschungseffekt gelingt: Ein Mann geht mit Einkaufskorb am Bewegungsmelder vorbei, laut ist ein „fuid-tekk-tekk“ zu hören. Verunsichertes Umsehen, dann ein ungläubiges Gesicht. „Ich dachte zuerst, die Alarmanlage geht los“, erklärt der Kunde. „Und dann: Was macht denn ein Vogel hier drin?“ Das symbolträchtige Gezwitscher als Zeichen des Aufbruchs nach dem Winter beeindruckt den Einkäufer allerdings nicht weiter: „Wir kriegen das alle Tage mit. Ich bin nämlich Landwirt“, verweist er auf seinen Beruf draußen in der Natur, wo Vogelgesang derzeit ständig zu hören ist.

Dies auch bewusst zu tun, die Explosion der Natur nach dem kalten Winter aufmerksam wahrzunehmen, ist ein Anliegen der Aktionskünstlerin de Andrade. „Oft prägen Hektik, Effizienzdenken und Konsumverhalten den Alltag“, weiß sie. Hier versucht sie aufmerksam zu machen, auf eine andere Wirklichkeit jenseits der Sorgen und Schwierigkeiten der Menschen. Sie empfindet die Darbietung des Vogelgesangs für den Menschen wie ein Zeremoniell, als ein sakrales Ereignis, in einer Zeit, in der Sakrales immer unwichtiger wird.

Mit welchen Gefühlen, Bildern oder Erinnerungen andere Zuhörer das Gezwitscher empfinden, will die im Wernecker Gemeindeteil Mühlhausen lebende Künstlerin genau wissen. Ein Buch liegt daher auf, allerdings ist den vielen leeren Seiten nach die Scheu offenbar groß, sich dort einzutragen.

Eine ältere Dame liest gerade interessiert die Fragen, die Rosario de Andrade schriftlich gestellt hat, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Ja, das ist gleich ein warmes Gefühl beim Hereinkommen“, sagt sie über den Vogelgesang. „Das ist schön.“

Alte und Junge will die Künstlerin ansprechen, daher haben die Marktgemeinde und der Familienbeirat als Veranstalter des Kulturfrühlings auch eine Bastelaktion im Kreisaltenheim organisiert. Kinder der Wernecker Grundschulklasse 4a sind mit ihrer Lehrerin Margot Köhler-Tanzberger gekommen, um gemeinsam aus Pappmaschee Vögel zu modellieren. Dicke Spatzen, grazile Finken oder Rotkehlchen im Flug entstehen dabei, Kinder und Senioren helfen sich gegenseitig beim Kneten und bei den Feinarbeiten.

Rosario de Andrade ist zufrieden: Stolz zeigen einige Heimbewohner ihre fertigen Produkte, und für die Schüler wird die „Aktionskunst lebendiger Frühling„ ebenfalls Nachwirkungen haben. Sie dürfen sich mit den verschiedenen Vogelstimmen noch einmal im Unterricht auseinander setzen. Eigentlich müssten sie, wie es ein Lehrer formuliert, dahin gebracht werden, auf ihrem morgendlichen Schulweg auf solche Vogelstimmen zu achten statt auf die Musik im Kopfhörer des MP3-Players.

Sinnlicher Bilderreigen "Das Alphabet der Pirateninseln" in der Würzburger Stadtbücherei

Main-Echo
28.08.07

(…) "Das Alphabet der Pirateninseln" ist mehr als ein Blickfang in der Stadtbücherei.

Bettina Kneller

"Das Alphabet der Pirateninseln"

Installation "Rosário Rebello de Andrade / Kathrin Feser"

"das Alphabet der Pirateninseln / O Alfabeto das ilhas Piratas / i l'Alphabet de les Medes Pirates"

“…Lesen heißt, unsere Vorstellungswelt anzusprechen, denn die eigentliche Lektüre beginnt, wenn der Text vor unseren Augen gewissermaßen verschwindet, so wie auch der Autor im Werk verschwindet. … Das Geschriebene ist stumm, Lesen, jedoch, benötigt viele Stimmen.”

Ana Hatherly
(A casa das Musas, S.195 - Editorial Estampa, Lda., Lissabon 1995)

"....
Und was wären dann die Bilder?
Das einmal, das immer wieder einmal und nur jetzt und nur hier Wahrgenommene und Wahrzunehmende. Und das Gedicht wäre somit der Ort, wo alle Tropen und Metaphern ad absurdum geführt werden wollen.
Tropenforschung?
Gewiss! Aber im Lichte des zu Erforschenden: im Lichte der U-topie.”

Paul Celan
(Der Meridian und andere Prosa. S. 57, Bibliothek Suhrkamp, Band 485, erste Auflage 1988. Übersetzung João Barrento ARTE POÉTICA, O meridiano e outros textos, Edições Cotovia, Lda., Lissabon 1996)

Künstlerisches Schaffen findet auf verschiedenste Weisen und mit Hilfe mannigfaltigster Verfahren statt. Heute im Zeitalter der schnellen Veränderungen fallen immer öfter Künstler auf, die verstärkt mit rein handwerklichem Können die eigenen Weltanschauungen bildnerisch umsetzen. Rosário Rebello Andrade und Kathrin Feser, die hier keine Ausnahme sind, teilen gemeinsam zwei Eigenschaften: Zum einen geben beide durch ihre Kunst wider, wie sie die Welt sehen und interpretieren, und zum anderen wechseln sie beide in chamäleonisch anmutender Weise von Projekt zu Projekt ganz systematisch ihren Stil. Obgleich sie sich formal auf sehr unterschiedlichen Gebieten bewegen, gibt es noch ein weiteres Element, das sie einander nahe bringt: die Verwendung von Text und geschriebener Sprache in ihren Arbeiten. Diese verschiedenen Faktoren haben sie dazu bewogen, speziell für die Stadtbibliothek von Würzburg ein gemeinschaftliches Ausstellungskonzept zu entwickeln.
Das Haus zum Falken, dessen zahllose Besucher ihren Teil zur Bekanntheit dieser Bibliothek beitragen, hebt sich am Marktplatz durch seine reich geschmückte, mit Barockornamenten verzierte Fassade hervor. Betritt man als aufmerksamer Besucher dieses ehrwürdige Gebäude, findet man alsbald schmale, an den Bücherregalen haftende Textstreifen, auf denen lose Wörter oder kleine Sätze in vielsagendem Farbspiel zu lesen sind. Sie sind von unterschiedlichstem Bedeutungsniveau, ergänzen sich aber dennoch zu skurril Narrativem. So zum Beispiel: Schrei - knallrot - ziemlich horizontal - Koexistenz - als Tau niedergegangen - Cornflakes unter Kissen …
Die Wörter bilden rhythmische Farbtupfer inmitten des Raumes, welche unweigerlich die Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen. Geben Anlass, stutzig zu werden und zu hinterfragen… Ihr Kontext bleibt bewusst verschlüsselt.
R.R.A. und K.F. bedienen sich auf geschickte Weise der architektonischen und literarischen Elemente dieser Bibliothek, indem sie diese in einen anderen Zusammenhang stellen und sich gleichzeitig die Veranstaltungen zunutze machen, die im Laufe der Ausstellung dort stattfinden - in diesem konkreten Fall die ins Haus stehende Exposition der Bibliothek Katalonien anlässlich der diesjährigen Internationalen Frankfurter Buchmesse. Dieser Hintergrund war für beide der Anlass, nebst ihrer Muttersprache - dem Portugiesischen bzw. Deutschen - auch die katalanische Sprache mit in ihre Arbeiten einzuflechten.
Dringt man noch ein wenig weiter vor in der Bibliothek, stößt man auf den Lesesaal, wo man schon von der Ferne ein lang gestrecktes, überaus repräsentatives Paneel mit ornamentischen Motiven äußerst lebendiger Farben sichtet. Es wirkt sehr gut in den Raum integriert - quasi als sei es Teil der Bibliothek. Zuerst ins Auge fällt eine kleine Kugel, gleich einem grünen Knopf, ein Wesen - ein Kaninchen - beides gemischt und alles grau. Besser, man beginnt das Wandgebilde von links nach rechts, von oben nach unten zu betrachten - so als läse man in einem Text - Provozierend wird man beäugt von einem Mann mit Hut, über dessen Kopf ein Fisch schwebt. Ein Falke darunter, Sätze aus dem Schnabel fließend, Texte in Klammern, Ellipsen formend, Spiegelschrift... Us viu, vident, oh gira-sol dels astres! Katalanisches auf Streifen in Gelb und Rot. Schwindelgefühl, Benommenheit, Kreise, Buchstaben, weitere Wörter in allerlei Sprachen, sich windende Ornamente, ein stetes Auf und Ab gleich der rastlosen Gezeiten salziger Meere. In dieser plastisch-rhythmischen Erzählweise fallen besonders die erstaunlich chromatischen Oberflächen, bestehend aus Kreisen oder Ornamenten, auf, die mal schwerelos fließend, mal musterhaft geometrisch wirken…. Eine Figur, hinter einer Jalousie verblassend (vielleicht ist der Ort des Geschehens ein Museum?). Uns den Rücken kehrend betrachtet sie ein Kunstwerk… Oh! Tropfen Staub… Dann Käfer, mehrere Käfer… Unmengen von Zahlen zählen sich selbst und erzählen, wieder das Kaninchen (eingeladene Gäst Manfred Sonntag)… Die anfangs bloß grüne Kugel wird zum Komma… Jambus... mit farbigen Kreisen ausgefüllte Ornamente, klar und deutlich nun zu lesen: Pontius Pilatus Piratus…
Am Ende allen Lesens und Entzifferns findet sich ein roter Kasten gefüllt mit Papieren, in der ersten Zeile der Titel der Ausstellung „Das Alphabet der Pirateninseln“ (Auszug aus einem Gedicht des katalanischen Dichters J.V. Foix). Es entfaltet sich sogleich ein endlos langer Text, kein Punkt kein Komma, dadaistische Reminiszenzen formen den Inhalt, dessen Sinn sich im Nicht-Sinn verhüllt. Es handelt sich um eine Sammlung von Auszügen aus den Poesien verschiedener katalanischer, portugiesischer und deutscher Dichter und Schriftsteller sowie Autoren anderer Länder, deren Werke ins Deutsche übersetzt wurden (18. bis 20. Jhdt.). Diese spielten sich die beiden Künstlerinnen im dialogischen Wechsel zu, als sie zeitgleich die Bilder für diese große Wandinstallation fertigten. Text- und Bildfragmente wurden dann zu etwas eigenständig Neuem zusammengefügt.
Pirateninseln nennt man das Archipel der Medes-Inseln, das sich vor der Mittelmeerküste an der Costa Brava befindet. Es heißt, dass auch Barbarossa dort vorbeigesegelt sei. Die Schiffahrt an diesen Inseln entlang geht auf das Antike Griechenland zurück, aber erst später, im Mittelalter, wird der ausgedehnte Seehandel in dieser Gegend zu einem rentablen „Geschäft“ für die sich dort tummelnden Piraten.
Dieser Scharfsinn erinnert an die Disparates (Torheiten) von Goya - alles ist bewusst exzessiv, fragmentarisch und wirr, der ach so rettende rote Faden bleibt willentlich verdeckt.
Die Künstlerinnen haben sich für die visuelle Umsetzung jener ausgewählten literarischen Auszüge von den Poetischen Labyrinthen des Barock inspirieren lassen. Diese bestanden in der mondänen Gesellschaft der damaligen Epoche aus Entschlüsselungsspielen, in denen Frivolem und Trivialem bekanntermaßen große Bedeutung zukamen. Es ist in diesem Zusammenhang von Wichtigkeit zu verstehen, auf welch große Resonanz diese Form von Poesie zur damaligen Zeit in ganz Europa traf. Vor allem auf der Iberischen Halbinsel, in Frankreich und Italien war die Verbreitung jener Umformspiele augenfällig. Diese wurden dann später, im 20. Jhdt., von der Visuellen Poesie wieder aufgegriffen. Wenn man heute in der Kunst diese Spiele wieder aufleben lässt, so spiegelt das für sich alleine schon eine Ähnlichkeit des modus vivendi der damaligen mit der heutigen Gesellschaft wider. Wir werden angeregt, historisch-philosophisch über den Sinn jenes modus vivendi zu reflektieren und so veranlasst, die Gesellschaft, in der wir leben, tiefer gehend zu untersuchen und nach Erklärungen, vielleicht auch nach Lösungen ihrer Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit zu suchen.
Auf dem Weg zu den hinteren Räumen der Bilbiothek gelangt man zu einem Durchgang, der zu zwei weiteren, kleineren Räumen führt. Die Arbeiten hier sind nun filigraner und persönlicher. Das Rätsel beginnt sich zu lösen!
Im nächsten Raum, unmittelbar unter der Decke, entdeckt man unzählige mit rotem Faden gestickte Wörter auf Stoffstreifen, mit Stecknadeln aneinandergeheftet (Rosário Rebello de Andrade) - das Ganze allerdings so versteckt, dass nur der aufmerksame Besucher dies wirklich bemerkt. Es handelt sich um beim Malen angefallene Leinwandreste der Künstlerin, die sie in den letzten zwei Jahren täglich bestickte. Man liest portugiesische Wörter wie „palavra - paraíso - perturbador - pirilampo…“. Die Wortreihe läuft an den vier Wänden entlang und zu einem bestimmten Moment liest man plötzlich deutsche Wörter wie etwa „Wort - Wolke - Weitblick - die Vögel…“. Auf den ersten Blick scheint es dem nicht beider Sprachen Mächtigen, dass es sich um eine Übersetzung der vorher erschienenen Wörter handeln müsse. Aber beim genaueren Lesen enthüllt sich ein unterschiedlicher Text, der eine Sinnverbindung zwischen den Wörtern untereinander erkennen lässt. Man wird einer gewissen Religiosität gewahr, die zu einem Innehalten und Reflektieren, weit entfernt vom weltlichen Lärm, anregt. Rosário R. Andrade gibt dieser Arbeit den Titel Siebenundneunzig handgestickte Wörter oder Ich lerne Deutsch.
Geht es hier etwa darum, eine Sprache zu erlernen oder darum, sie soweit zu begreifen, um deren Unübersetzbarkeit aufzuzeigen? Weist die Künstlerin auf die subtilen Windungen der Sprache hin, die Identität zweier Kulturen unterstreichend?
Im Anschluss treffen wir auf eine Arbeit, in der sich das Wort Brot gemalt auf einem kleinformatigen roten Hintergrund findet. Daneben, auf einem größeren Format, hat die Künstlerin in ihrer Muttersprache die portugiesische Vokabel für Brot - pao - geschrieben und lädt den Besucher dazu ein, ein Wort von besonderer Bedeutung hinzuzusetzen.
Für Rosário R. Andrade sind Wesentliches und Alltägliches nichts Verschiedenes. Sie schöpft ihre poetische Sprache zuweilen aus Alltäglichem, zuweilen aus philosophischen Reflektionen, macht auf das für sie Wesentliche aufmerksam.
Gegenüberliegend eine Reihe von Bildern kleinen Formats (Kathrin Feser). In sehr kunstvoll ausgeschnittener Kalligraphie kann man unter anderem Folgendes lesen: unser Telefon macht ring-ring-ring oder mashed potatoes. Mit einem Messer aus Papier geschnittene Buchstaben heben, mittels entstehender Leere, die Wörter und deren Klang hervor.
Wörter auf der Suche nach einer Deutung für Triviales, für das Absurde des Alltags?
Diesen zur Seite findet sich eine weitere Gruppe von kleinen Arbeiten - auch hier sorgfältiges Ausschneiden kombiniert mit sich verdichtendem und wieder auflösendem Hinzufügen winziger Buchstaben. Diese umwirbeln piktogrammhafte Figuren, die fortwährend durch das Format springen oder tanzen: Kleine anekdotisch-absurde Monster, die Buchstaben vertilgen oder gelassen auf ihnen schweben.
Kathrin Feser notiert sich Teile respektive Fetzen aus Gesprächen, Alltags-Situationen, auch Geräusche oder Bruchstücke diverser Situationen. Sie sammelt seit Jahren systematisch Symbole und bizarre Figuren, die sie selbst Kommunikations-Metaphern nennt. So erarbeitet sie ihren eigenen Wortschatz in Form von Zeichen, die sie dann in den verschiedensten Kontexten wieder in ihre Arbeiten einfließen lässt, indem sie sie ganz frei auslegt, übertreibt oder ihnen verschiedene Wertigkeiten und Bedeutungen zuordnet und miteinander mischt.
Im Gegensatz zu Rosário Rebello de Andrade zeigt Kathrin Feser ein Labyrinth von Absurditäten: Absurditäten, die das Alltägliche hinterfragen, die Meridiane (Paul Celan), die Tropen und die Metaphern von Wortfiguren. Das Fehlen von Bedeutung hält sie dazu an, Alternativen zu suchen und diese unbedingt auch aufzuspüren.
Im Falle von Rosário Rebello de Andrade und Kathrin Feser finden wir uns vor eines der offensichtlichen Symptome unserer modernen Gesellschaft gestellt. Wenn es in der Kunst darum geht, die Zeichen und Phänomene der Zeit zu durchschauen, so zeigen die Künstlerinnen mit ihrer Ausstellung im Falkenhaus, dass unsere Gesellschaft ihre Fundamente zunehmend auf Fragmente baut. Sie überwinden die Grenzen des Vorgefassten. Stellen die Wichtigkeit der Urheberschaft und der Diskurse in Frage und bemächtigen sich der Sprache anderer, um daraus ihre eigene zu schaffen. Piraten sind heute nicht mehr nur auf hoher See, sondern hier, jetzt und überall.
Aber mehr noch als das bringen sie den Zauber des künstlerischen Objekts zum Vorschein (gleich dem des Lebens selbst). Sie zeigen auf, dass man, wenn man nur darüber schreibt, oft Gefahr läuft, es seiner Existenz zu berauben, es dessen zu enteignen, was sein Wesen ausmacht. Ergründen erfordert die Überwindung der Vernunft, man muss eintauchen und sich dem Unvorhersehbaren überlassen, dem Un- oder besser gesagt Nicht-Denkbaren des Un-Möglichen.

Aurora Oliveira
September 2007