Stephan Haimerl

Presse

Eröffnungsrede von G. Schmidt im KV Coburg

Da streckt mir einer den Mittelfinger entgegen: So ein Kerl mit Sturmhaube und Gesichtsschutz, so ein Hau-Drauf, Besserwisser und Vornedran. Stephan Haimerl nennt ihn „Schutzpatron“. Soo harmlos schaut der nicht aus. Wirklich harmlos wirkt jedoch der andere, der Zartbesaitete, der abwesend mit seinem Koffer in der linken Hand dasteht – kaum wahrnehmbar.

Beide liegen sie vor mir: zwei Zeichnungen, am Bildschirm bearbeitet, auf Transparantfolie ausgedruckt, am Leuchttisch von unten erhellt und der Diskussion um ihren gestalterischen Einsatz ausgeliefert.

Nun ist es an der Zeit, zu erklären, worum es hier überhaupt geht. Stephan Haimerl steht neben mir in der Werkstatt für Siebdruck an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, deren Möglichkeiten er als Student kräftig genutzt hat, entspricht doch der Aufbau eines manuellen Siebdrucks dem Schrittweisen vorgehen in seiner Malerei.

Für seine Debütanten-Sache braucht er noch zwei Druckgrafiken, für deren Erstellung wir gerade die Strategie entwickeln. Wir schneiden das Papier: Maxi-Offset, 250g, reinweiss. Papier oder Leinwand, das bedeutet erst einmal das große, weiße Nichts gegen die künstlerische Vorstellung, die sich vielleicht geradeeinmal briefmarkengroß im Kopf eingenistet hat.

„Ein Maler, der mit seinem Pinsel links oben anfängt und rechts unten aufhört, bleibt immer in der Demut vor dieser weißen Bedrohung gefangen“. Diese Bemerkung von mir ist eigentlich überflüssig, weiß ich doch daß Haimerl genau aus diesem Grund den Erstschlag schon geplant hat. Nach dem ersten Druckvorgang attackiert eine oranggelbe, klecksartige Farbfläche das Papierweiß. Das kommt jedoch nicht aus der Hüfte geschossen daher, sondern genauestens anvisiert und präzise kalkuliert, was die anschliessenden partiellen überdruckungen mit kaltem Gelb und dumpfem Grün beweisen.

Um die zweite Druckschablone, ein geometrisches Raster nicht allzu akkurat erscheinen zu lassen, verzichtet er auf die einfachere und schnellere Möglichkeit des kreuzweisen abklebens, setzt dagegen Pinsel und Siebfüller ein, was sich später beim Druck des hellen Blau als richtige Entscheidung zeigen wird. In ähnlicher Weise wurde parallel zu diesen vier Arbeitsschritten die zweite Druckgrafik aufgebaut: Hellgraue Mäander verzahnen sich hier am linken Rand einer blauen Fläche, an die unten teilweise überlappende rote Formen angehängt sind.

Zwei Zustandsdrucke mit gleichen Voraussetzungen.

Alle gestalterischen Vorgänge bisher sind von Hand erstellt worden, Farbe und Form, Struktur und malerische Valeurs, Schicht über Schicht. Das ist Malerei die sich direkt vermittelt im Gegensatz zu Malerei, die sich durch Abbildung mitteilt. - Doch wie wirklich ist Abbildung ?

Bei Stephan Haimerl ist ein Farbklecks kein Zufall, sondern die Abbildung eines zufälligen Farbkleckses, also gegenständliche Malerei durch definition eines Farbkleckses als wirkliches Ding.

Unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit ist nur eine Übereinkunft, und wir sind beleidigt, wenn die Denkschablonen verschoben werden... Wenn wir hören „Schutzpatron“ und „Typ mit Koffer“, die beiden anfänglich beschriebenen Kerle, schalten wir schon um auf Gewohnheiten von Wahrnehmung. Sehen wir einen Kopf, einen Finger, ein Auge, dann wähnen wir uns in Sicherheit, ohne zu reflektieren, wie die beiden Figuren wirklich erscheinen. Aber - nichts anderes als gepixelte Figurenskelette sind sie - verwandelt in ab-strakte Zeichen, die auf ihren Einsatz warten, das Bildgefüge zu stören und uns zu irritieren.

Doch genug jetzt mit inhaltlichen Spekulationen. Ein Sieb ist zu entschichten und für den Belichtungs-vorgang vorzubereiten. Denn die beiden Kerle auf Folie haben jetzt ihren Auftritt.

Als der mit dem Mittelfinger dann schwarz probegedruckt auf dem Blatt steht, wirkt er etwas zu aktiv bei seiner Aufgabe. Wir meinen, ein Violett-Grau stünde ihm besser und haben recht.

Figuren tauchen in Stephan Haimerls Arbeit nur schemenhaft, nur angedeutet auf. Sollten sie dennoch ihren Anspruch auf Wirklichkeit zu geltend machen, werden sie mittels Überstreichung mit Farbe auf ihren hierarchischen Platz verwiesen. Deshalb kriegt der Aufmüpfige über seine Brust eine helle schlammfarbige, Fläche übergezogen und damit ist gut, der Druck ist abgeschlossen.

Der andere jedoch, der sensiblere, der Kofferträger, der, der nicht so wichtig tut, wehrt sich länger, gibt nicht so leicht auf. Nach dem Probedruck steht er sehr isoliert auf dem weißen Papier, muß weiter in die blaue Fläche rein. Das tut der Figur gut, steht sie nun als feine, silbrige Zeichnung auf dem Blau, aber das gesamte Bildgefüge hat jetzt etwas an halt verloren. Mit einem transparenten, dunklen Violett wird die graue Fläche links unten stabilisiert, aber: etwas fehlt noch – etwas Farbe

Ich versuche das Rot zu definieren, weiß nicht wie, bis Stephan sagt, „Das ist ein Rot, dass erst noch eins werden will“.

Ich sage „ Dagegen braucht es noch ein jugendliches Grün“

Wir meinen: „auf der horizontalen Linie, leicht versezt.“

 

Das wars.

Das Terrain ist befriedet, die Farben jubeln,

 

Stephan Haimerl braucht jetzt erst mal ein Glas Wein.

VERTIGO GOGOGO

 

Auch wenn es Stephan Haimerl abstreitet, es hat seine Bewandtnis mit dem Titel. Eine Coburger Kneipe soll Pate gestanden haben. Allerdings hieß sie „Vertico“ mit „c“. Weil Stephan Haimerl nicht David Reed ist, kann eine Anspielung auf Hitchcocks berühmten Film ausgeschlossen werden. Bleibt der medizinische Fachausdruck für Schwindel. Ein Phänomen, dem der Künstler ganz offensichtlich Lust abzugewinnen weiß – wie sonst ließe sich das dreifache angehängte „Go!“ verstehen. Ein Anfeuerungsruf, nicht nachzulassen, nicht aufzuhören. Immer weiter, immer schneller, auch wenn einem schon ganz schwindelig ist. Das ist der Anspruch des Malers Stephan Haimerl. Besser hätte er ihn nicht formulieren können.

 

Um Schwindel Bild werden zu lassen, bedarf es einer gehörigen Portion Erfindergeistes. Hitchcock visualisierte Scotties Höhenangst, indem er gegenläufig zur Kamerabewegung in das Treppenhaus des Glockenturms hineinzoomte. Die Mittel des Malers, den Betrachtern seiner Bilder den sicheren Boden unter den Füßen wegzuziehen, gleichen Hitchcocks Kameraeffekt. Sie verschmelzen ebenfalls Widersprüchliches zur unauflösbaren, irritierenden Erlebniseinheit: Flächiges und Räumliches, Figuratives und Abstraktes, Transparentes und Opakes, Glänzendes und Mattes, Leuchtendes und Fahles, Gestisches und Gezirkeltes, Ungelenkes und Raffiniertes. „Das Unterschiedlichste und Widersprüchlichste in möglichster Freiheit lebendig und lebensfähig zusammenzubringen“, hat Gerhard Richter einmal als Ziel seiner Malerei definiert. Damit hat er der „Malerei nach dem Ende der Malerei“ einen Ausweg aus der Sackgasse des Selbstausdrucks eröffnet.

 

Das Malen von Bildern ist seitdem nicht leichter geworden. Stephan Haimerls Malerei lässt den Kampf um das Bild, dessen Widersprüche sich nicht auflösen, nachvollziehbar werden. Denn zu viel Komposition bedeutet den Tod des Bildes. Zu wenig davon und die Widersprüche greifen nicht. So verstandenes Komponieren sucht nicht den harmonischen Ausgleich, sondern die Aktivierung des Unversöhnlichen. Je nach Format gestaltet sich das Problem unterschiedlich. Entsprechend können kleine Bilder nicht einfach nur aufgeblasen werden. Und umgekehrt. Stephan Haimerl, der immer wieder von groß zu klein und zurück springt, spielt auf zwei verschiedenen Klaviaturen.

 

Der Griff zu Comic und Schrift, offensichtlich inspiriert durch Michel Majerus, verkompliziert sein Spiel noch, anstatt es zu vereinfachen. Versatzstücke, sichtlich ohne allzu viel Bedeutung, dafür mit der Anmutung des Rotzigen und Subkulturellen im Gepäck. Sie sitzen an den richtigen Stellen, also dort, wo es wehtut. Sie sind Pfähle im Fleisch der „Malereimalerei“, von der Haimerl spricht, also einer sich selbst genügenden Malerei. Straße versus Museum. Einer der vielen Kämpfe, denen Stephan Haimerls Malerei eine Arena bietet. Es geht laut darin zu: Vertigo GoGoGo!

 

Thomas Heyden