Argusaugen und Lauscher_RUHRNACHRICHTEN 2009 August

Argusaugen und "Lauscher"

Rottstraße5: Antje Hemmer und Udo Höppner laden zu einem kleinen Kunstfestival

Bochum . Der Sinn fast jeder Ausstellung ist zunächst einmal das Betrachten. Antje Hemmer geht einen Schritt weiter. Ihre großformatigen Bilder sorgen für ein Gefühl des Betrachtetwerdens. Argusaugen verfolgen den Besucher.

Hemmer:" Die Bilder sollen die Kommunikation anregen, Der Besucher soll sich selbst betrachten, sich fragen, welchen Platz er in der Gesellschaft einnimmt." Ihre Malerei, die Plastiken und Collagen versteht sie als kritischen Blick auf den Zustand der westlichen Gesellschaft.

Selbstentmündigung.

Es geht um kulturelle Selbstentmündigung, um Verfolgung von Minderheiten, um Kontrollzwang und Gleichschaltung. Darum, dass den Menschen von allen Seiten erklärt wird, was er zu tun hat, wie er sich zu verhalten hat. So entstand auch der Titel der Ausstellung "Sorge Dich nicht mein Kind, denn ich bin bei Dir"

Hemmer:"Von Kindheit an werden wir an die Hand genommen. Nach dem Motto: Mama macht das schon." All das zeigt:"Sorge Dich nicht mein Kind, denn ich bin bei Dir" ist keine gewöhnliche Ausstellung. Den Besucher erwarten in der Rottstraße 5 von Freitag, 28.08.2009 bis zum 6. September, eher ein kleines Kunstfestival, eine interaktive Installation aus Malerie, Plastiken, Musik, Literatur und Theater. Und so drehen sich im Ausstellungsraum unter anderem "Lauscher" langsam um sich selbst. Die Gipsaugen hat Antje Hemmer mit echten Rinderohren versehen. EinStück weiter steht eins der Argusaugen-Kunstwerke. Darauf zu sehen sind auch Lebenskelche, roter Saft hat sich daraus den Weg Richtung Boden gebahnt. "Den Menschen wird das Blut abgezapft", erklärt Hemmer und verrät:" Das ist echtes Tierblut." Haare, Wachs, Fett, die Bochumerin hat viele natürliche Materialien verwendet. Die Mitte des Raums dominiert eine Armee: Die "1000 Superuntertanen". Kleine Figuren ohne Gliedmaßen - mit Löchern im Bauch oder in der Brust. "Jede hat ein individuelles Leiden. Es ist die Darstellung der Masse, dennoch ist jede Figur unterschiedlich", erklärt Udo Höppner, der das kleine Kunstfestival zusammen mit Antje Hemmer organisiert hat. An vier Abenden und bei einer Martinee bilden Hemmers Ausstellung des Rahmen, dazu gibt es Theater, Kunst und Literatur. Die Künstler haben dem Festival ein Korsett verpaßt, daß flexibel ist. Hemmer:" Die Tage verstehen wir als Prozess, aus dem sich etwas entwickeln kann. Es macht Spaß etwas  wachsen zu sehen. Höppner ergänzt:" Der Besucher soll mit einem anderen Bewußtein hier herausgehen." Daniel Maiß

Kunst ist in jeder Raumecke greifbar_WAZ 2010 Juni

Kunst ist in jeder Raumecke greifbar.

In Zwei-Zimmer Wohnung: Antje Hemmer zeigt 100 Malereien, Collagen, Teile von Installationen und Fotodokumente.

"Ich habe immer die Tiefe in den Dingen gesucht, die ich in meinem Beruf nicht finden konnte."So beschreibt Antje Hemmer ihre Entwicklung zur bildenden Künstlerin. Seit rund 10 Jahren macht die gelernte Graphik-Designerin mit außergewöhnlichen Aktionen auf sich aufmerksam. Vor allem die intensive Begegnung mit der Natur und die Auseinandersetzung mit der westlichen Welt treiben sie an. Die Ausstellung "wildLEBEN", die auch Arbeiten ihres Schülers zeigte, dokumentieren das Schaffen aus einer Dekade. Aus jeder Ecke einer leerstehenden 2-Zimmerwohung   inOberdahlhausen, in der die Ausstellung unlängst stattfand schien Kreativität greifbar. Über 100 Malereien, Collagen, Teile von Installationen und Fotodokumenten ware zusammen gekommen. Sie zeigten auch die stilistische Entwicklung. Die 39-jährige Hemmer verbringt heute einen Großteil des Jahres in Chile und Argentinien. So zeigt sie auf jüngeren Bildern in weiß, erdigen Farben und roten Akzenten die dortige Natur. Naiv abgewandelt tauchen neben der Landschaft immer wieder Pudus (Zwerghirsche) mit eindrucksvollen Geweihen auf. In den Räumen konnten die Besucher Installationen aus Hölzern sehen, Masken und kleine Schädel von Tieren. Ein Bezug zwischen den Reisen, etwa nach Feuerland, und der Kunst Antje Hemmers, war nicht zu übersehen. Nicht umsonst erinnerte der Titel der Werkschau an das "Wilde Leben". Auch in früheren Arbeiten setzte sich die Künstlerin kritisch mit ihrem Lebensraum auseinander. "Es geht auch um die westliche Welt, die kontrolliert und vorgefertigt ist", erklärte sie. So sind auf großformatigen Bildern von 2002 Körper und Köpfe getrennt von einander zu sehen. Die verspielt gemalten Figuren scheinen ziellos im Raum zu schweben, irgendwie irritiert und ausdruckslos. Andere Bilder zeigen Menschen die in Gitternetzen gefangen zu sein scheinen. Installationen unter dem Titel "Sei schön lieb" (2007)kritisieren Erziehungsmethoden, unter denen Kinder leiden. Antje Hemmer, die seit einigen Jahren kunstpädagogisch arbeitet, glaubt:"Kinder werden oft nicht in ihrer Persönlichkeit wahrgenommen und ihnen wird zu wenig zugetraut."

KUNSTAKTION in der Zwangsjacke

Ein besonderes Projekt verwirklichte die Künstlerin 2004. Bei der Performance "Selbstbegrenzung" zwängte Antje Hemmer sich über zwölf Stunden in eine Zwangsjacke, wie sie bei psychisch Kranken angewendet wird. Das Projekt wurde fotografisch dokumentiert, Die beeindruckenden Fotos, die einen Menschen in einer Extremsituation zeigen, waren in der Ausstellung zu sehen. "Diese Performance und auch die Fotos sollten klinisch wirken. Die Aktion war ein Verfahren zur Gewinnung von Bewußtsein," erklärt die Künstlerin ihren Ansatz. J.K.